Erklärung von Sikyong Dr. Lobsang Sangay zum 57. Jahrestag des tibetischen Volksaufstands von 1959

Am heutigen 57. Jahrestag des friedlichen Aufstandes des tibetischen Volkes von 1959, als die Tibeter sich gegen die Invasion und Besetzung Tibets durch die Volksrepublik China auflehnten, möchten meine Kollegen im Kashag und ich Tribut zollen und für alle jene tapferen Männer und Frauen beten, die ihr Leben für die gerechte Sache Tibets geopfert haben. Wir bekunden unsere Solidarität mit denen, die weiterhin unter der repressiven chinesischen Herrschaft leiden.

Obwohl Tibet seit Jahrzehnten unter der Kontrolle Chinas steht, hat es das tibetische Volk geschafft, seine Identität und seinen Geist trotz der schwierigen Lage zu bewahren. Neue Generationen, die durch die Opfer der Älteren inspiriert wurden, haben die Verantwortung übernommen, sich für die Sache Tibets einzusetzen. Der Mut und die Überzeugung unserer Landsleute in Tibet verdient unsere tiefe Bewunderung.

Es ist die immer wieder kehrende Behauptung der chinesischen Regierung, dass durch die Entwicklung des neuen Tibets dort Glück und Wohlstand herrschen. Die Wahrheit ist aber anders. Alle Gebiete, die von Tibetern bewohnt werden, sind ihrer Grundfreiheiten beraubt worden und stehen weiterhin unter strenger Kontrolle und Überwachung. Das herrschende Netzsystem, welches Reise und Bewegungen des tibetischen Volkes regelt, macht dies allzu klar. Human Rights Watch berichtet über die Ausweitung der intensiven Überwachungsmaßnahmen in den Dörfern in ganz Tibet. Die neuerliche Selbstverbrennung von zwei Jugendlichen inner- und außerhalb Tibets, die zu den 142 Selbstverbrennungen der Vergangenheit hinzukommen, ist ein weiterer Beweis für das Fehlen an Freiheit in Tibet. Der Kashag kommt ihrem Wunsch nach und macht die repressive Politik in Tibet als alleinige Ursache für die Selbstverbrennung fest.

Ich stehe hier und sage, dass die Lage in Tibet düster ist. Wer sich für die Religionsfreiheit und Umweltrechte einsetzt, wird oft aus politischen Gründen angeklagt und bekommt harte Strafen. Der bloße Besitz des Bildes Seiner Heiligkeit des Dalai Lama führt zu Verhaftung und Gefängnis. Stätten der buddhistischen Kultur werden streng bewacht, Mönche und Nonnen, die ihren geistigen Führer nicht denunzieren, droht der Rausschmiß.

Die fortgesetzte Politik der chinesischen Behörden gegenüber den nationalen Minderheiten, darunter dem tibetischen Volk, haben Unzufriedenheit und Entfremdung zur Folge. Die Aktion eines chinesischen geführten Hotels in Rebkong (chin Tongren), Provinz Qinghai, zog starke Opposition und Protest nach sich, als es seinen Mitarbeitern verbot, Tibetisch zu sprechen. Auf einer Sitzung am 22. Dezember 2015 hat sich ein leitender kommunistischer Parteiführer mit tibetischer Herkunft besorgt darüber geäußert, dass Diskriminierung weit verbreitet sei. Er verwies auf wiederholte Fälle, wo Menschen mit ethnischem Hintergrund diskriminiert oder der Zugang zu bestimmten Dienstleistungen verweigert wurde. Er sagte, dieses Problem erzeuge unerwünschte soziale Auswirkungen und verursache heftige öffentliche Reaktionen in den ethnischen Regionen. In ähnlicher Weise haben die Maßnahmen der chinesischen Regierung im Allgemeinen, jedoch vor allem die Bemerkungen einiger weniger Führungspersönlichkeiten eine ganze Volksgruppe als “Spalter” gebrandmarkt. Solche Bemerkungen haben scharfe Reaktionen in China seitens vieler Gelehrten und Intellektueller nach sich gezogen, die heftige Erwiderungen zur Folge haben.

Globale Umweltschützer und Wissenschaftler haben die Bedeutung der tibetischen Hochebene zur Kenntnis genommen, da sie die drittgrößte Eisreserve enthält und die Quelle von zehn großen Flüssen darstellt, die in mehrere Nachbarländer fließen. Allerdings muss nochmals darauf hingewiesen werden, dass der unaufhörliche Abbau von natürlichen Ressourcen, Abholzung, die umfangreiche Stauung von Flüssen, zurückbildende Gletscher etc. zweifellos irreparable Schäden an Tibets Umwelt verursachen, die wiederum die Umwelt des asiatischen Kontinents beeinträchtigen. Die Notwendigkeit des Umweltschutzes in Tibet haben wir immer wieder folgerichtig auf verschiedenen internationalen Klimaschutzkonferenzen thematisiert. Im vergangenen Jahr hat die Tibetische Zentralverwaltung den Teilnehmern der COP21 in Paris neben Fakten und Zahlen einen Zehn-Punkte-Aktionsplan präsentiert, in dem wir vortrugen, warum der Schutz der tibetischen Hochebene wichtig für die Welt ist, und den Vereinten Nationen, der chinesischen Regierung und der internationalen Gemeinschaft eindringlich nahegelegt, dringend Maßnahmen zum Schutz zu initiieren.

Wir, der Kashag der Tibetischen Zentralverwaltung, sind fest davon überzeugt, dass die langjährige Tibet-Frage zwischen den Gesandten Seiner Heiligkeit des Dalai Lama und Vertretern der chinesischen Regierung im Dialog gelöst werden kann. Wir bleiben voll und ganz der Politik des Mittleren Weges verpflichtet, die klar eine echte Autonomie für das tibetische Volk innerhalb Chinas anstrebt. Es ist unsere Hoffnung, dass die Führung in Beijing den Sinn der Politik des Mittleren Weges einsieht, statt ihn zu verzerren, und nach vorne schreitet, um sich im Dialog mit den Gesandten Seiner Heiligkeit des Dalai Lama zu engagieren.

Zu diesem Thema hat US-Präsident Barrak Obama auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Präsident Xi Jinping am 25. September 2015 im Rose Garden gesagt: “Wir wollen weiterhin die chinesische Führung ermutigen, die religiöse und kulturelle Identität des tibetischen Volkes zu bewahren und mit dem Dalai Lama oder seinen Vertretern in Dialog zu treten”. Die Besorgnis und Unterstützung der US-Regierung für das tibetische Volk wird durch den Besuch von Frau Sarah Sewall, der Sonderkoordinatorin für Tibet-Fragen, Unterstaatssekretärin für Zivile Sicherheit, Demokratie und Menschenrechte im State Department in den Jahren 2014 und 2016 in Dharamshala klar unterstrichen. Der Kashag ist der US-Regierung für ihre Unterstützung und Solidarität sehr dankbar, da dies Hoffnung und Ermutigung für das tibetische Volk bedeutet.

China beansprucht das Recht, die Reinkarnation des tibetischen spirituellen Führers zu identifizieren. Dies ist eine infame Lüge, da dieser Anspruch auf manipulierter Geschichte basiert. Die Macht und Autorität, über die Reinkarnation des Buddha des Mitgefühls, Beschützer und Retter Tibets in menschlicher Form, zu entscheiden, liegt allein bei Seiner Heiligkeit dem Dalai Lama. Niemand sonst hat das Recht, dies zu tun.

In Bezug auf die Anerkennung seiner Reinkarnation hat Seine Heiligkeit der Dalai Lama in seiner Erklärung vom 24. September 2011 klare Ratschläge und Anweisungen gegeben, die wie folgt lauten: “Wenn ich etwa neunzig bin, werde ich mit den hohen Lamas der tibetischen buddhistischen Traditionen, der tibetischen Öffentlichkeit sowie anderen betroffenen Menschen, die dem tibetischen Buddhismus folgen, beraten und dann neu bewerten, ob die Institution des Dalai Lama fortgesetzt werden soll oder nicht. Auf dieser Grundlage werden wir eine Entscheidung treffen. Wenn dann entschieden wird, dass die Reinkarnation des Dalai Lama fortgesetzt werden sollte, und ein Bedarf besteht, einen Fünfzehnten Dalai Lama anzuerkennen, liegt die Verantwortung für diese Angelegenheit hauptsächlich bei den betroffenen Gaden-Phodrang-Beamten des Dalai Lama. Sie sollten die verschiedenen Oberhäupter der tibetisch-buddhistischen Traditionen und den zuverlässigen, an einen Eid gebundenen Dharma-Beschützer konsultieren, die untrennbar mit der Linie der Dalai Lamas verbunden sind. Sie sollten den Rat und die Anweisung von diesen betroffenen Instanzen suchen und die Verfahren der Suche und Anerkennung in Einklang mit der bisherigen Tradition durchführen.

Ich werde klare Anweisungen dazu hinterlassen. Man beachte, dass, abgesehen von einer Reinkarnation, die durch ein solches legitimes Verfahren gefunden wurde, sollte keine Anerkennung oder Akzeptanz für einen Kandidaten erfolgen, die um politischer Zwecke willen von jemanden gewählt wurde, einschließlich jener der VR China”.

Wir waren überglücklich mitzuerleben, mit welchem tiefen Respekt, Ehrfurcht und Begeisterung das tibetische Volk inner- und außerhalb Tibets, Freunde und Förderer weltweit, den 80. Geburtstag Seiner Heiligkeit des Dalai Lama feierten. An dem jüngsten Großereignis in Delhi nahmen teil: Indiens ehemaliger Premierminister, Dr. Manmohan Singh, ehemaliger stellvertretender Premierminister Shri Lal Krishna Advani, der ehemaliger Minister Dr. Karan Singh, Dr. P. Chidambaram und viele anderen Leuchtgestalten, die die Menschen in Indien repräsentieren. Zu der Zeit hat Dr. Manmohan Singh ehrerbietig Seine Heiligkeit den Dalai Lama als ein Geschenk Gottes an die Welt bezeichnet.

Die unendlichen Taten oder Leistungen Seiner Heiligkeit des Großen XIV. Dalai Lama werden hier nicht erwähnt, da diese den Menschen weltweit schon bekannt sind. Doch in einer Zeit, als der Buddhismus eine schwierige Periode durchläuft, sollen die Anhänger und praktizierenden Buddhisten für die kostbare Gelegenheit unendlich dankbar sein, in den vergangenen Jahren von Seiner Heiligkeit dem Dalai Lama erfolgreich die Unterweisung über die 18 Großen Stufen des Pfades (Lamrim) erhalten zu haben. Eine derartige Leistung, unerhört in der Geschichte Tibets, muss in goldenen Buchstaben geschrieben werden. Wir freuen uns, die gute Nachricht mit Ihnen zu teilen, dass Seine Heiligkeit nach einer erfolgreich abgeschlossenen medizinischen Behandlung in den Vereinigten Staaten in den nächsten Tagen nach Dharamsala, zurückkehren wird.

Nach dem Transfer aller politischen Aufgaben und Verwaltungsbefugnisse an die vom Volk direkt gewählte Führung, steht der 14. Kashag unter meiner Führung kurz vor dem Ende der Amtszeit. Wir haben aufrichtige Anstrengungen unternommen, international die Aufmerksamkeit auf die Lage in Tibet zu lenken und Unterstützung zu bekommen, u.a. für die Verbesserung der Ausbildung für die tibetischen Kinder und die Nachhaltigkeit der tibetischen Siedlungen.

Die Verleihung des Geshema-Titels an tibetisch-buddhistische Nonnen ist eine historische Zäsur. Unser Aufruf hat eine überwältigende Reaktion zur Unterstützung der vom Erdbeben betroffenen Menschen in Nepal erfahren, die unsere Wertschätzung und Anerkennung verdient. Der Kashag möchte Seiner Heiligkeit dem Dalai Lama zutiefst danken, dass er uns kontinuierlich seine unschätzbaren Worte der Weisheit und gütigen Ratschläge zukommen lässt. Wir müssen aus ganzem Herzen dem tibetischen Volk inner- und außerhalb Tibets danken, dass sie uns in vielerlei Hinsicht unterstützen.

Das tibetische Volk im Exil betritt den großen Pfad der Demokratie. Es hat bisher großes Interesse gezeigt und aktiv an den Wahlprozessen teilgenommen. Sehr bald wird die letzte Runde der Wahl des Sikyong und der Mitglieder des tibetischen Parlaments im Exil stattfinden. Daher werden die tibetischen Wähler ermutigt, sich an der Wahl zu beteiligen, um die demokratischen Rechte auszuüben, wie es die Exil-Charta der Tibeter vorsieht.
Der Kashag möchte bei dieser Gelegenheit an die Güte der Führer der verschiedenen, die Gerechtigkeit schätzenden Nationen erinnern, sowie an Parlamentarier, Intellektuelle, Wissenschaftler, Menschenrechtsorganisationen und Tibet Support Groups, und für ihre standhafte Unterstützung für das tibetische Volk danken. Insbesondere werden wir immer an die Freundlichkeit und die beharrliche Unterstützung des Volkes und der Regierung Indiens und der Bundesstaaten für ihre großzügige Unterstützung denken, die uns hilft, unsere Religion und Kultur zu bewahren und zu fördern und das Wohlergehen des tibetischen Volkes im Exil zu gewährleisten. Wir sprechen unseren herzlichsten Dank ihnen allen aus.
Schließlich beten wir aufrichtig für ein gesundes und langes Leben unseres geschätzten Oberhauptes Seine Heiligkeit des Großen XIV. Dalai Lama. Mögen alle seine Wünsche erfüllt werden. Möge die Tibet-Frage baldigst gelöst werden. Vor allem möge der Tag schnell kommen, dass Tibeter inner- und außerhalb Tibets wiedervereint sein werden.

SIKYONG
Tibetische Zentralverwaltung

10, März 2016

Hinweis: Dies ist eine Übersetzung der Sikyong-Erklärung aus der englischen Version. Bei Abweichungen gilt das tibetische Original.

Quelle (Englisch): Statement Sikyong Dr. Lobsang Sangay