Am 1. September 1965 halbierte die chinesische Führung in Beijing mit einem Federstrich das historische Tibet und gründete die Autonome Region Tibet (TAR). Die Regionen Amdo und Kham im Nordosten und Osten Tibets, wurden größtenteils chinesischen Provinzen eingegliedert. Seither steht Tibet im offiziellen chinesischen Sprachgebrauch ausschließlich für die TAR. Was bezweckte die chinesische Regierung mit dieser Teilung? Darüber lässt sich nur mutmaßen. Fest steht, dass nach dieser Definition über die Hälfte der Tibeter offiziell nicht mehr in Tibet lebt. In der TAR selbst gibt es Autonomie nur auf dem Papier. Alle Verwaltungsebenen sind de facto dem Zentralstaat unterstellt. Die chinesischen Machthaber in Beijing bestimmen damit über das Schicksal der Tibeter und nicht etwa die Tibeter selbst.

Die Gründung der TAR zielte wohl von Anfang an darauf ab, die Tibeter verwaltungsmäßig, militärisch und ökonomisch fest an den Zentralstaat zu binden. Es stimmt, dass an einigen wenigen Schlüsselpositionen der Verwaltung auch Tibeter sitzen, aber die Voraussetzung dafür ist Linientreue gegenüber der Kommunistischen Partei China (KPCh). Wirkliche Entscheidungsbefugnis über ihre Entwicklung sollte den Tibetern aber nie eingeräumt werden. Mit einer gezielten Sinisierungspolitik wurden sie zu einer Minderheit im eigenen Land.

Das massive Truppenaufgebot, von welchem schon im Vorfeld der chinesischen Jubiläumsfeierlichkeiten berichtet wird, spricht Bände. Wenn China jetzt 50 Jahre TAR feiert, reisen hohe Parteikader aus Beijing an und veranstalten ihre glanzvollen Paraden. Die Tibeter jedoch haben nichts zu feiern. Sie werden entrechtet, verfolgt, gefoltert oder verschwinden einfach. Mindestens 800 tibetische politische Gefangene sitzen ohne jegliches Vergehen in chinesischen Gefängnissen. Sämtliche Freiheitsrechte, wie Presse-, Meinungs- und Religionsfreiheit, werden massiv unterdrückt. Eine Atmosphäre der Angst ist bitterer Alltag in Tibet.

Die Feierlichkeiten sind einmal mehr eine generalstabsmäßig geplante Propagandaschau, die die Welt glauben machen will, die Tibeter profitierten durch den vielfach von Beijing gerühmten wirtschaftlichen Fortschritt und hätten weitgehende Mitbestimmungsrechte, wenn es um ihre sozialen Rechte, kulturelle Identität, die Rohstoffe ihres Landes und nicht zuletzt um ihre Zukunft geht.

Doch auch nach über 60 Jahren Besatzung ist es der chinesischen Führung nicht gelungen, das tibetische Volk zu spalten, die nationale und kulturelle Identität zu zerstören, geschweige denn, den Widerstand zu brechen. Es gibt eine starke Einheit unter den Tibetern, die nicht an willkürlich gezogenen Grenzen Halt macht. Und gerade in Amdo und Kham gab es in den letzten Jahren die meisten Proteste gegen die chinesische Unterdrückungspolitik. Doch aller Terror, alle Gewalt und Repressionen haben nichts genützt, die Tibeter akzeptieren die chinesische Fremdherrschaft nicht. Der bisher weitgehend friedliche Widerstand des tibetischen Volkes ist ungebrochen. Das ist angesichts der Tragik der Ereignisse über all die Jahrzehnte vielleicht der einzige Grund zum Feiern.

Nadine Baumann ist Geschäftsführerin der Tibet Initiative Deutschland e.V.